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Mucks- und mäuschenstill



Ich erinnere mich, wie mir meine ostpreußische Omi von diesem Brauch erzählte. In ihrem Heimatstädtchen Barten gab es ein Flüsschen, zu dem sie als junges Mädel mit ihren Freundinnen zum "Osterwasser holen" ging. Das war eine Tradition für die holde Weiblichkeit in der Ortschaft. Dabei gingen die Frauen und Mädchen am Morgen des Ostersonntags bei Sonnenaufgang los, um Wasser vom Brunnen, Bach oder Fluss zu holen. Dem Osterwasser wurden besondere Eigenschaften zugeschrieben. Neben seiner heilenden Kraft wurde ihm auch eine Förderung der Fruchtbarkeit nachgesagt. Wenn verheiratete Frauen sich also mit dem Osterwasser wuschen, sollten sie schneller schwanger werden. Für junge Mädchen hieß es, dass das Osterwasser ihre Schönheit zum Vorschein bringen würde. Und wenn eine gerade frisch verliebt war, sollte sie das Osterwasser auf den Mann oder Burschen ihrer Träume sprenkeln, der dann die Zuneigung erwidern würde.


Je nach Region gab es dabei aber ein Hindernis: Der Kniff an der Sache war, beim Osterwasser holen entweder nicht gesehen zu werden oder aber kein Wort auf dem Hin- und Rückweg zu sprechen, sonst würde das Osterwasser seine Wirkung verlieren. Stellen Sie sich bitte eine Horde von unentwegt schnatternden Teenagern vor, die plötzlich für längere Zeit mucksmäuschenstill sein sollen. Eine echte Herausforderung! Erschwert wurde das Unterfangen durch den männlichen Teil der Bevölkerung im Ort. Die Herren der Schöpfung versuchten nämlich, die Frauen beim Osterwasser holen zu erwischen oder auf dem Rückweg ins Gespräch zu verwickeln.


Heutzutage gibt es das "Osterwasser" immer noch, es wird aber nur noch selten auf die traditionelle Weise geholt. Das lässt sich denken - versuchen Sie mal, eine Fünfzehnjährige am Feiertag in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett zu holen, nur für ein paar Schlucke Wasser! Deswegen ist "Osterwasser" inzwischen ein anderes Wort für einen guten Schnaps, der beim Osterfestmahl zu sich genommen wird. Na dann, wohl bekomm´s!

Lebenslichter 12.04.2020, 05.30

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